Baubericht HMS Mercury, Kapitel 40 - Drehbassen, Besatzung, Beiboote

 

Februar 2021

 

Nun geht es an die "Restarbeiten". Wie ich schon am Ende des vorigen Kapitels geschrieben habe: Die To-Do-Liste ist noch lang. Dennoch, so langsam nähere ich mich dem Zielhafen...

 

Drehbassen

 

 

Das sind kleine Kanönchen auf dem Schanzkleid. Die Mercury hat davon 12, sie werden auf speziellen Balken, die von außen senkrecht an der Bordwand befestigt sind, angebracht. Das Bild zeigt schon mal, wie das aussieht.

Dem Bausatz liegen die entsprechenden Messingrohre bei. Diese brüniere ich in gewohnter Form. Die Halterung sowie den Richthebel muss ich selbst bauen. Dazu verwende ich Augbolzen und Draht. Ich biege U-förmige Drahtenden, schiebe sie durch kleinere Augbolzen, leime sie fest, forme aus Draht die Führungshebel für die kleinen Geschütze und leime diese an den Enden der Rohre fest. Die Enden der Führungshebel bekommen noch einen kleinen Klecks Weißleim.  Die Drahtgebilde werden dann gestrichen. Nach dem Trocknen leime ich die Geschütze an die Halterungen und bringe sie an Deck an.

 

Kugelracks

Kugelracks säumten an Deck meist die Ränder der Luken; in ihnen wurden, wie der Name schon sagt, Kugeln für die Kanonen gelagert. Fast hätte ich diese Teile vergessen, erinnere mich aber irgendwann daran, dass die noch in einer kleiner Schachtel darauf warten, angebracht zu werden. Die passenden Kugeln liegen dem Bausatz nicht bei; ich werde aber im Internet bei Kugel-Winnie fündig und bestelle mir dort Stahlkugeln mit 2mm Durchmesser. Diese klebe ich in die entsprechenden Vertiefungen der Racks und streiche sie anschließend schwarz an. Ich lasse dabei ein paar Öffnungen frei - und das Bild lässt schon erahnen, warum. Und so kommen wir schon zum Thema...

 

 

Besatzung

In Kapitel 18 habe ich bereits gezeigt, wie ich mir eine Besatzung für mein Schiff schaffe. Erschrocken stelle ich grad fest, dass das schon 5 Jahre her ist. Nun, fünf Jahre reichen, um das eine oder Andere gründlich zu überdenken und zu anderen Ergebnissen zu kommen. Von den ursprünglichen Planungen, das Schiff in einer Situation kurz vor einem Gefecht zu zeigen, bin ich mittlerweile aus mehreren Gründen abgekommen. Meine Endfassung lautet jetzt wie folgt:

Das Schiff ist auf einer ruhigen Überfahrt von England nach Amerika. Wir schreiben das Jahr 1781; England befindet sich sowohl mit Frankreich als auch mit Amerika im Krieg. Also ist auf so einer Fahrt ständige Wachsamkeit gefordert, auch wenn kein unmittelbarer Feindkontakt bevorsteht oder erwartet wird. 

Es ist Mittagszeit, der Großteil der Mannschaft ist nach dem Befehl "Backen und Banken" zum Großteil unter Deck beim Essen; an Bord befindet sich die Wache sowie ein paar weitere Seeleute. Deren Namen habe ich mir frei ausgedacht - mit einer Ausnahme, die ich dann erläutere.

 

Wichtig ist mir bei den Figuren, dass jede etwas Sinnvolles macht, eine eigene Geschichte erzählt und man bei keiner Figur das Gefühl hat, dass diese einfach nur so dasteht, um das Deck zu füllen. Und diese kleinen Geschichten möchte ich jetzt erzählen.

 Kurz hinter dem Ärmelkanal war die Mercury in einen heftigen Sturm geraten, bei dem das Großbram-Stagsegel einen heftigen Riss bekam. Jetzt, mit den Azoren im Rücken, war für den Segelmeister Phileas Hammond endlich die Gelegenheit da, sich dieses Tuches anzunehmen und eine neue Segelbahn aufzunähen. Der junge Bootsmannsmaat Derrick Smith hatte sich seit Beginn der Fahrt sehr interessiert an allem, was mit den Segeln zu tun hatte, gezeigt, und so nahm ihn sich Hammond kurzerhand beiseite, um ihn zu fragen, ob er ihm vielleicht mit dem kaputten Stagsegel helfen wolle. Mit Begeisterung sagte der junge Maat zu, holte sich das OK beim Bootsmann und bugsierte mit dem alten Segelmeister gemeinsam das Tuch aus der Segellast aufs Vordeck, wo um diese Zeit der meiste Platz und die meiste Ruhe herrschte.

Und da sind sie nun beide beschäftigt, und Hammond spult ganz nebenbei eine gehörige Portion Seemannsgarn ab...

Ich möchte einmal zeigen, wie ich dieses Ensemble gestaltet habe. Segel hab ich ja noch übrig, da ich nicht alle Stagsegel am Schiff angebracht habe. Also nehme ich ein kleines Segel, versehe es teilweise mit Liektau und binde Schothorn und Halshorn ein.

Der Segelmacher ist eine Zinnfigur, die ich mal als Einzelstück irgendwo im Internet erworben habe. Ich glaub, von Krick, weiß es aber nicht mehr genau. Das Problem ist hier, dass beide Hände gusstechnisch mit den Beinen verbunden sind. Ich will aber, dass es so aussieht, als ob der Segelmacher das Tuch mit beiden Händen greift, eine Hand auf, eine unter dem Tuch. Die rechte Hand ist nur mit einem relativ kleinen Stück mit dem Knie verbunden, also setze ich da die Säge an. Im zweiten Bild sieht man den dadurch entstandenen Spalt. Da kann ich dann das Segel gewissermaßen einfädeln, denn das Liektau passt nicht durch, dafür ist der Spalt zu schmal. So setze ich an einer Stelle ohne Liek an und schiebe den Meister dann über das Liektau. (Vorher male ich ihn natürlich noch ordentlich an.)

Der Maat ist da einfacher, dem klebe ich den Rand des Segeltuchstreifens an die Hände. Dann stopfe ich das ganze Gebilde irgendwie aufs Vordeck, schiebe es so lange zurecht, bis es passt und leime den Maat auf das Deck.

Was mir gut zu passe kommt, ist ein Fehler bzw. eine Unterlassung meinerseits, die ich entdecke. Am Großbramsegel habe ich vergessen, die Gordingtaue durch die Kauschen zu leiten, bevor sie durch die Blöcke an der Bramstenge laufen. Nun, daraus ließ sich wunderbar was machen:

Am Großbramsegel ist ein Gording gerissen und muss repariert werden, also werden zwei Topgasten in den Mast geschickt. Wie immer arbeiten die Jungs schnell und effektiv. Während Allan McCormick auf der Rah steht und das Tau nach der Reparatur wieder durch Kausche und Block gefädelt hat und nun aufpasst, dass sich nichts verheddert, zieht sein Messekamerad Bob Woddle auf der Marsplattform das Tau herunter, um es dann an den Stengewanten zu belegen. 

(Bob war ursprünglich einer, der ein Beil schwingt. Das hab ich ihm aber weggenommen, da wo die Axt war, den Bohrer angesetzt und dort dann das Gordingtau durchgefädelt. Hier er und sein beilschwingender Doppelgänger)

Und während er da noch zieht, kommt Jimmy Hoskins über die Püttingswanten zu Hilfe.

Der Ausguck, Georg Floyd Jr., freut sich auf die Ablösung, die auch schon in Gestalt von Will Poland naht. 

Peter, den alle nur "Der Schwede" nennen, spannt auf dem Vordeck ein Gordingtau des Großsegels nach, und der schweigsame Dudley Banks schießt an der Querreling des Achterdecks ein Tau auf, um der nachfolgenden Wache eine ordentliche Station zu überlassen.

Barrett B. und sein Kumpel Dudley sind die Rudergänger; sie haben heute einen relativ ruhigen Tag. So haben die beiden Offiziere keine Veranlassung, einzuschreiten und können sich weiter ihrem gemütlichen Plausch hingeben. 

Arland Meyers ist der Ausguck auf dem Besan; auch seine Ablösung in Gestalt des ursprünglich aus Deutschland stammenden Karl Muller ist schon auf dem Weg nach oben.

Aber wer ist denn der da mit dem breiten Kreuz, und was macht der da? Will der etwa ins Wasser springen? Nein, es ist der heutige Messedienst, Malcom Hogg, der eine Pütz Küchenabfälle an die Haie verfüttern will.

Um eine Figur wie diesen Offizier anzumalen, brauche ich schon mal reichlich 2 Stunden.

Leutnant Geoffrey Tucker gilt an Bord als harter, aber gerechter Offizier. Die Seeleute begegnen ihm mit Respekt, aber nicht gerade mit großer Liebe. Klar, wenn er jemanden an Deck sieht, der offenbar nur Maulaffen feil hält, findet er sofort eine Arbeit für denjenigen. Kein Wunder, dass sich immer dann, wenn er Wache hat, kaum einer der Freiwächter an Deck sehen lässt. Und hier sehen wir ihn an seinem Lieblingsplatz - den Kompass in Reichweite, so dass er den Rudergängern sofort Bescheid stoßen kann, wenn die es sich einfallen lassen, auch nur einen halben Strich vom Kurs abzufallen.

Das vertrauliche Gespräch, welches sein Herr und Meister, Kapitän William Carlyon (dieser Name ist authentisch, er war in der Tat Kommandant der  HMS Mercury von Mai 1781 bis September 1782, später schaffte er es bis in den Admiralsrang) mit dem Gast auf dieser Reise, einem kleinen, aber schon sehr berühmten Admiral, der sein neues Kommando in Übersee übernehmen will, will er keinesfalls stören und auch nicht den Anschein geben, als würde er lauschen. Und so knurrt er immer mal wieder laut und etwas öfters als sonst die Rudergänger an, ja den Kurs zu halten.

Nicolas Granger und sein Messekamerad Ian Larkin füllen die oben gezeigten Kugelracks auf.

Und schließlich stelle ich das jüngste Besatzungsmitglied vor, zumindest von denen, die derzeit an Deck sind. Es ist der junge Lord Lavery, Spross aus gutem Hause, der als Midshipman auf der HMS Mercury schon sein drittes  Jahr auf See verbringt. Er ist noch immer etwas übereifrig und meint hier, den Männern aus seiner Wache, die da oben in der Takelage des Großmastes arbeiten, von unten mittels Flüstertüte Anweisungen geben zu müssen. Der Erste hört das natürlich (was Lord Lavery ja auch bezweckt) und denkt amüsiert (ohne sich das Amüsement äußerlich anmerken zu lassen): "Mein Gott, war ich damals auch so? Nun, immerhin piepst er nichts Falsches hoch, auch wenn die alten Salzbuckel da oben gut darauf verzichten können."

Das ist der derzeitige Stand; ob noch weitere Figuren an Deck kommen, weiß ich im Moment noch nicht - aber wenn, dann sicher nur ein oder zwei, mehr nicht.

Die letzten beiden Bilder bilden eine gute Überleitung zum nächsten Abschnitt:

 

Beiboote

 

Den Bau der vier Beiboote habe ich im Kapitel 37 gezeigt. Nun sollen sie endlich an Bord gebracht werden. Die Aufliegerbalken über der Kuhl, die man schon auf vielen Bildern dieses Bauberichtes sehen konnte, sind bisher nur aufgelegt, aber noch nicht befestigt. Jetzt nehme ich sie ab. Die Abstände der kleinen Markierungen bezüglich der späteren Befestigungspunktemesse ich mir genau aus und schaffe mir auf einem Stück Balsaholz ein "Dummie-Deck". Von den vier Balken sind nur zwei relevant für die Lagerung der Boote; diese fixiere ich mit Stecknageln auf dem Balsaholz. Dann fertige ich mir die Bootsklampen. Das mache ich freihändig, erst die exakte Position ermitteln, dann von den jeweiligen Booten die Rumpfform an diesen Stellen so irgendwie freihändig auf Normalpapier zeichnen, ausschneiden und dann mit viel Schnippelei und wieder anhalten und wieder schnippeln und wegschmeißen und nochmal anfangen und so weiter so lange versuchen, bis es passt. Das klingt jetzt nicht allzu souverän, aber mir ist keine bessere Methode eingefallen. Das dann auf dicken Karton übertragen, ausschneiden, etwas Korrekturschnitzen, mit dem selben dicken Karton doppeln, in Form bringen und schließlich auf die Decksbalken kleben sind die nächsten Schritte.

Anfangs sieht das noch recht... rustikal aus, aber dann kommt so langsam Form rein, und eine erste Stellprobe gefällt mir schon ganz gut. Für die Lagerung der Jolle auf der Barkasse muss ich mir noch eine Lösung suchen - dazu gleich mehr.

Klampen und Decksbalken werden dann gestrichen. Jetzt kommt noch ein kleines Gimmick: Beim Betrachten von Fotos der HMS Victory - also dem Original in Portsmouth - sehe ich auf einem Bild, wie die Boote dort gelagert werden. Die Klampen sind mit einem Überzug aus Leder?, Stoff? , was auch immer, verkleidet, um den Bootsrumpf zu schonen. So etwas fertige ich dann auch, nutze dazu wieder Segelreste und färbe diese anschließend dunkel. Ich weiß, dass man davon später so gut wie nichts sehen wird, aber gleichwohl gefällt mir diese kleine Zusatzsache. 

Die Lagerung der Jolle ist besonders spannend. Liest und schaut man sich so um in der Welt von Literatur und Foren, findet man mal wieder eine unglaubliche Vielfalt an Möglichkeiten. Standards gab es dafür damals wohl keine. Oben offen einsetzen, Kiel nach oben einsetzen, Duchten des großes Boots rausnehmen, Duchten drin lassen. Und und und... Letztendlich entscheide ich mich dafür, die Duchten der Barkasse da zu lassen wo sie sind - sie sind auch ordentlich fest eingeleimt, ich würde wohl das ganze Boot zerstören, wenn ich die wieder rausnehmen will. Als Auflager für die Jolle hat meine Mannschaft schließlich eine starke Bohle genommen, darauf längs zwei Leisten gesetzt, zwischen die genau der Kiel der Jolle passt. Damit die Duchten der Barkasse nicht zerkratzt werden, haben die Jungs ein Stück altes Segeltuch drübergelegt, bevor sie die Jolle da lagern. Augbolzen im Deck dienen dazu, auf der einen Seite das Festmachtau einzuhaken und auf der anderen Seite dann mittels Arbeitstalje beide Boote fest zu fixieren.

Bei einem "Probesitzen" sehe ich dann auf dem Foto, dass ich am Rumpf der Jolle unbedingt noch nacharbeiten muss - meine Hoffnung, dass man die Unglücksstellen meines ersten Beibootes später nicht sieht, haben sich offensichtlich nicht erfüllt. Also spachtele, schleife und pinsele ich und bin am Ende wesentlich zufriedener mit dem Rumpf der Jolle als vorher. Und endlich sitzen die ersten beiden Boote da, wo sie hinsollen.

Nun die Überlegung, wie ich die beiden Boote auf den äußeren Positionen festmachen soll. Auch hier denke ich zuerst an eine Arbeitstalje, entscheide aber sehr schnell, dass zwar das Ende mit dem Haken am Ende des Taus in einen Augbolzen an Deck eingehakt wird, das Gegenstück aber nicht ebenfalls an Deck enden kann, denn dann würden diese Taljen irgendwo ganz dicht bei den Geschützen sein und die dazugehörigen Augbolzen würden zusätzliche Stolperfallen bilden. Also kommt nur ein Festmachen auf der Gangway zwischen Achter- und Vordeck in Frage. Soweit, so gut. Also baue ich auch hier Arbeitstaljen (ein Doppelblock oben, ein Einfachblock unten, der mittels Haken in einen Augbolzen eingehakt wird). Leider vergesse ich, davon ein Foto zu machen - daher muss man es einfach glauben: Das sieht grässlich aus! Zwischen dem oberen und unteren Block ist grad mal ein Millimeter Platz, das alles wirkt völlig überdimensioniert. Und wer hat nun eine Lösung? DER Film hat die Lösung! Und wer das Buch "The Making of Master and CommanderC..." von Tom McGregor hat, kann auf Seite 23 nachschlagen. Keine Blöcke, sondern Kauschen - so wurden die Boote auf der Surprise gesichert, und genau so mache ich es auch. An das Ende des jeweiligen Taus binde ich eine Kausche ein; das Taljereep läuft dann direkt zwischen dem Augbolzen auf der Gangway und der Kausche hin und her und wird schließlich um sich selbst belegt.

 

Drei weitere, teils mehr, teils weniger aufwändige Bauabschnitte sind damit erledigt. Aber noch ist nicht Schluss. Was fehlt noch? Die Anker müssen angebracht werden, ebenso die Laternen. Eine größere Aufgabe werden noch die Finkennetze sein. Schließlich soll auch noch die eine oder andere Flagge gesetzt werden. Der letzte, aber nochmal richtig dicke Brocken ist dann die Gestaltung der Vitrine. 

Es bleibt also spannend. 

Zum Abschluss dieses Kapitels noch ein paar aktuelle Fotos meines Modells.