(Sommerliches) Frühjahrssegeln 2023


Vorbemerkung 

 

Endlich, endlich, endlich konnten wir wieder mit unserer geliebten Hendrika Bartelds in See stechen! Das Virus hatte für drei traurige Jahre ohne Segeltörn gesorgt, und fast sah es so aus, als ob es auch in diesem Jahr nichts werden würde. Unser Klaus, der Jahr für Jahr diese Fahrten möglich gemacht hatte, konnte sich aus  verschiedenen Gründen in diesem Jahr nicht darum kümmern. Schließlich fand sich dann jemand anderes, der die Organisation in die Hand nahm, und derjenige war: Ich. Nach dem Motto "Mut ist die Dummheit der Ahnungslosen" ging ich voller Optimismus und mit vielen guten Ratschlägen von Klaus, der froh war, dass jemand anders einsprang, an die Organisation. Ja, ich hatte schon eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was da alles dranhängt, aber dennoch war ich immer wieder erstaunt, wie viele kleine und große Details es zu beachten gibt. 

Ich mache es kurz. Irgendwann waren alle Verträge unterschrieben, alle Mitseglerinnen und Mitsegler gefunden, alle finanziellen Fragen geklärt, ein Speiseplan aufgestellt und dafür reichlich Vorräte gekauft - denn ich würde auch den Smutje geben, so wie es Klaus auch immer macht. Was unbedingt erwähnt werden muss. Ich hatte ein ganz tolles Orga-Team, das mich super unterstützt hat, mir vieles abgenommen hat und mir so viel Sicherheit und Ruhe gegeben hat. 

Hier nun mein diesjähriger Reisebericht.

 

Tag 1 - Ankunft in Kiel

 

Die Anreise erfolgt in diesem Jahr mal nicht mit der Bahn. Etliche Frischware muss noch vor Ort gekauft werden, und um zum Beispiel mehrere Kilo Fleisch von einem Großhandel ans Schiff zu bringen, ist ein Auto schon recht hilfreich. Die meisten Lebensmittel habe ich bei einem örtlichen Händler bestellt, der diese dann auch wunschgemäß gegen 20:00 Uhr bis an das Schiff bringt. Zu diesem Zeitpunkt sind auch schon fast alle Sailies da, so dass das Verladen zügig geht und ein erster Test für gemeinsames Arbeiten ist. Es ist immer wieder erstaunlich, wenn man sieht, wie schnell diese Massen an Waren im Schiff verschwinden und am richtigen Platz landen. Wir haben in diesem Jahr eine interessante Mischung bei den Mitsegelnden, fast die Hälfte ist zum ersten Mal an Bord. Aber die Erfahrenen unter uns wissen genau, was wohin muss. Und so dauert es nicht lange, bis alles verstaut ist und wir uns alle zur Begrüßung an Deck versammeln. Schon das ist anders als sonst: Unsere übliche Reisezeit war bisher Ende April. Da ist es zu dieser Zeit schon dunkel, und die Begrüßung findet in der Messe statt. Heute aber haben wir Anfang Juni, die Sonne ist noch nicht untergegangen, und es ist fast sommerlich warm. Raggi, unser Käptn, heißt uns alle willkommen, stellt seine Crew vor, die aus Matrosin Kata und Matrose Nico besteht, und gibt erste Sicherheitshinweise. Und dann darf ich erstmals als Organisator das Wort ergreifen. Einer der neuen Mitreisenden überrascht uns alle, als er für jede und jeden ein persönliches Logbuch überreicht, in welches man die Erlebnis unserer Reise individuell festhalten kann. Was für eine schöne Idee! Und einer der "alten Hasen" kredenzt für alle einen Begrüßungsdrink, wahlweise mit oder ohne Alkohol, was mit großem Hallo angenommen wird. Ich ahne, dass das eine schöne Fahrt wird. 

Der erste Abend an Bord dient dem Kennenlernen und dem Austauschen von Erinnerungen. Alle sind gespannt auf die Fahrt.

 

Tag 2 - Das erste Ziel ist Damp

 

Ich gebe zu, ich habe die erste Nacht sehr unruhig geschlafen. Zu groß ist noch meine Aufregung. Und so stehe ich schon um 7.00 Uhr auf, begrüße nach dem Duschen den Frühstücksdienst, der schon fleißig am Vorbereiten ist, und gehe an Land. Klar, wie immer sind für mich auf diesem Törn die Schiffsbegegnungen wichtig. Direkt hinter uns an der Blücherbrücke liegt die Zephyr, ein Zweimastschoner mit Heimathafen Harlingen (NL), der wir auf früheren Fahrten auch schon begegnet sind. Später fährt dann auch noch die Kieler Kogge an uns vorbei - da sind Frühaufsteher an Bord, denn wir sind noch beim Frühstück, als sie schon auf der Förde in Richtung Ostsee eilt. Später sehen wir sie dann auch unter Segeln.

Schließlich heißt es auch für uns "Leinen los!". Wir legen ab, fahren unter Motor die Kieler Förde entlang, und dann kommt endlich der Moment, der mir bei jeder Fahrt eine dicke Gänsehaut und feuchte Augen verschafft: Die ersten Segel werden gesetzt und Raggi schaltet den Motor ab. Ist das schön! Aber keine Zeit, sich auszuruhen, denn wir setzen alle Gaffelsegel, alle Rahsegel und alle Vorsegel. Und um mal jedem Stück Tuch die ihm gebührende Aufmerksamkeit zu schenken, zähle ich sie alle auf:

Am vorderen Mast, dem Schonermast, setzen wir das große Gaffelsegel, das Schonersegel. (Üblicherweise heißt der vordere Mast Fockmast und das größte Segel folgerichtig auch Focksegel, aber hier ist es eben anders.) Darüber sind zwei Rahsegel, das Marssegel und das Bramsegel. Der mittlere Mast ist der Großmast, und da heißt das Segel auch Großsegel, ebenso wie am hinteren, dem Besanmast, das Segel Besansegel heißt. Drei Segel werden am Klüverbaum gesetzt. Das dem Rumpf am nächsten ist dann das Focksegel, dann folgt der Innenklüver und ganz vorn am Klüverbaum haben wir den Außenklüver. Weil es auf See oft schnell gehen muss, wird dann nur gesagt: "Wir setzen Fock, Mars und Groß." und alle wissen Bescheid.

So fahren wir dann also fast unter Vollzeug, allerdings haben wir extrem wenig Wind. Für einen kleinen Moment freuen wir uns mal über 3,8 Knoten, aber die Durchschnittsreisegeschwindigkeit liegt deutlich darunter. Die gute Nachricht: Niemand muss Angst haben, seekrank zu werden. 

Ich unternehme einen ersten Ausflug ins Klüvernetz, andere entern zum ersten Mal mutig auf.

 

Das Mittagessen gibt es immer als Buffet, es essen logischerweise nicht alle zur gleichen Zeit, da ja das Schiff ununterbrochen Aufmerksamkeit braucht. Es gibt Hot Dogs und belegte Schnittchen und Brötchen. Nach dem Mittag rufe ich meine heutige Abendbrot-Crew zusammen. Es gibt Zwiebeln, Möhren, Stangensellerie und Knoblauch zu schnippeln sowie ganz viel Parmesan zu reiben. Und ich stehe in der Kombüse und verarbeite über 11 kg Hackfleisch. Küchenkenner wissen jetzt: Es gibt Bolognese. Aber nicht nur - einen Teil der Hackfleischsoße behalte ich zurück für den nächsten Tag. Dazu später mehr. Heute also Spaghetti Bolognese. Eins meiner absoluten Lieblingsgerichte, und wenn ich das zu Hause für zwei bis fünf Leute koche, gelingt es immer. Aber für 31 Menschen? Der Herd der Hendrika ist ein Monstrum. Ich sage immer: Die haben zuerst diesen Herd hingestellt und dann das Schiff drumherum gebaut. Er ist recht hoch, höher als ein normaler Herd zu Hause, und natürlich sind die Töpfe auch viel größer. Egal, eine gute Bolognese muss zwei bis drei Stunden köcheln. Ich habe also in der Kombüse meinen ersten vollen Einsatz.

Inzwischen legen wir in Damp an, und das bietet etwas, was ich bisher auch noch nicht bei einem Segeltörn erlebt habe: Wir legen "im Päckchen" an. Am Kai hat bereits die Swaensbough festgemacht, Sie ist ebenso wie die Hendrika ein Dreimasttopsegelgaffelschoner; wir haben sie schon öfters auf unseren Törns getroffen. Wir machen an ihrer Bordwand fest, müssen dann also, um an Land zu kommen, über ihr Deck steigen. 

Dann das Abendessen. Was soll ich sagen? Es schmeckt augenscheinlich allen, ich bekomme jede Menge positive Rückmeldungen, und der Blick in den nahezu leeren Bolognesetopf spricht auch Bände. Meine Anspannung ist plötzlich wie weggeblasen, und ich könnte die ganze Welt umarmen.

Ein abendlicher Spaziergang am Strand und dann ein gemütlicher Abend mit tollen Gesprächen beschließt einen tollen ersten Segeltag.

 

Tag 3 - Auf nach Dänemark, Faaborg

 

Heute geht es nach Faaborg, DK. Ich freue mich auf den Ort, war ich doch noch nie dort. Vor dem Auslaufen besuche ich noch einen Supermarkt im Hafen von Damp, ein paar Kleinigkeiten habe ich wohl zu knapp bemessen und kaufe sie also nach.

Wir legen logischerweise vor der Swaensbourgh ab; später sehen wir sie dann ebenfalls unter Segeln. Ein sehr mäßiger Wind schiebt uns gemächlich durchs Wasser, und der Verbrauch an Sonnencreme ist wieder hoch, denn wir haben den ganzen Tag einen strahlend blauen Himmel und "T-Shirt-Wetter".  Aber auch so ein ruhiges Segeln macht hungrig. Aus der gestern zur Seite gestellten Hackfleischsoße koche ich heute zum Mittag Chilli con Carne, die man sich in einen Tortillafladen füllen und mit Reibekäse bestreuen kann. Wie schon gestern bei der Bolognese und auch im weiteren Verlauf der Fahrt gibt es für diejenigen, die sich dafür entsprechend angemeldet haben, auch noch eine vegetarische Variante; es soll mir ja niemand verhungern...

Faaborg ist ein richtig hübscher kleiner Ort, und im Hafen liegen etliche kleinere Segelschiffe. Das absolute Highlight ist die Dagmar Aaen, das Expeditionsschiff von Arved Fuchs, dem bekannten Polarforscher und Buchautor. Das 1931 ursprünglich als Haikutter gebaute Schiff wurde von Arved Fuchs 1988 erworben und für Fahrten in die Polarregionen umgebaut. Sie ist das einzige Segelschiff, das sowohl die Nordostpassage als auch die Nordwestpassage durchquert hat. Da steht man schon mit einer gewissen Ehrfurcht davor. 

Direkt daneben liegt die Nordstjernen, ein 1920 in Dänemark gebauter Zweimaster, der bis 1972 als Fischkutter im Einsatz war, ehe er dann zu einem Freizeitkutter umgebaut wurde und nunmehr unter deutscher Flagge fährt. 
Da ich das Abendessen gemeinsam mit dem heutigen Küchenteam bereits gut vorbereitet habe, bleibt genügend Zeit, sich auch den Ort selbst anzuschauen. Und später serviere ich dann Hühnerfrikassee und Reis.