Baubericht HMS Mercury, Kapitel 31: Korrekturen und Kauschen, und dann geht's weiter nach oben

 

Januar 2019

 

Im Moment überlege ich noch, wo genau ich jetzt weitermache - es gibt ja mehrere Möglichkeiten.

Aber eins habe ich jetzt (endlich) erledigt: Schon lange war mir die unterschiedliche Höhe der Butluvspieren ein Dorn im Auge, und ich wusste, dass ich das eines Tages korrigierern würde. Nachdem ich aber nun beim Wantenknüpfen irgendwann mal aus Versehen an der steuerbordseitigen Spiere gezerrt hatte und daraufhin die Gefahr bestand, dass da bald was abreißt, habe ich nun für Ordnung gesorgt. Die Spiere wurde vorsichtig entfernt, die Kausche neu eingebunden und angebracht, dann die Spiere neu ausgerichtet und befestigt und schließlich die beiden Stage mit einem Zurring steifgeholt.  Nun kann man meiner Mercury wieder in die Augen schauen...

 

Kauschen

 

Man ahnt ja gar nicht, wie viele Kauschen man an so einem Schiff braucht! Würde ich nur nach der Bauanleitung von Shipyard bauen, wären es nur wenige bis keine, dort wird viel mehr mit blöcken gearbeitet. Aber ein Blick in diverse Fachbücher, speziell in meine Lieblingslektüre, dem Schrage, belehrt einen da eines besseren. Und an mehreren Stellen in diesem Baubericht tauchen die kleinen runden Messingdinger ja schon auf. Im Kapitel 28 habe ich schon mal die Herstellung und das Einbinden von Kauschen gezeigt. Nun, man lernt ja ständig dazu, und so habe ich mittlerweile eine andere Methode für die Herstellung der Kauschen und auch eine andere Methode des Einbindens.

 

Zuerst zur Herstellung: Hier nutze ich eine Anregung eines Modellbauers im Forum segelschiffsmodellbau.com. Bei Conrad Electronic habe ich mir Messingrohr gekauft. "Rohr" suggeriert irgendwas in Mindeststärke Toilettenspülung, aber wir reden hier von einem Außendurchmesser von 1,8 mm und einem Innendurchmesser von 1,2 mm. Zu diesem Rohr habe ich mir auch ein gleich langes Stück Federstahl geholt, welcher passgenau in das Messingrohr geschoben werden kann. Sozusagen die Spaghetti in die Maccharoni gesteckt.  Jetzt benötigt man nur noch eine Schneidematte und ein scharfes Cuttermesser. Den Federstahl im Messingrohr lassen, dadurch biegt sich das weiche Metall beim Schneiden nicht zusammen. Jetzt einfach nur mit dem Messer rollend schneiden, also mit der anderen Hand das Rohr leicht hin und her rollen. So hat man in kurzer Zeit reichlich Kauschen.

 

Nur das Einbinden. Da habe ich mir eine eigene Methode ausgedacht. Man benötigt einen Schraubstock, eine Kreuzpinzette, zwei Zahnstocher, Ponal Turbo, ein Stück Garn für die Kausche und einen dünnen Faden zum Einbinden.

Los geht's: Den einen Zahnstocher spitzen wir, wenn erforderlich, noch ein wenig an, und zwar so, dass man eine Kausche draufstecken und leicht festdrücken kann. Nun spannen wir diesen Zahnstocher in den Schraubstock, und zwar so, dass die Spitze schräg nach oben zeigt. Mit dem zweiten Zahnstocher tragen wir jetzt Ponal Turbo, diesen wunderbaren Beinahe-Sekundenleim, auf die Kausche auf - und nur auf die Kausche, wir wollen sie ja nicht am Zahnstocher festleimen. Jetzt nehmen wir das vorgesehene Tau und legen es mit leichtem Druck um die Kausche. Nun fassen wir mit einer Kreuzpinzette (das ist eine, die beim Zudrücken öffnet) beide Enden des Taus und lassen sie dann einfach baumeln. Mit dem dünnen Faden und mit Unterstützung von Ponal Turbo binden wir nun unsere Kausche fertig an.

Dann Pinzette lösen, das Gebilde vorsichtig vom Zahnstocher ziehen, die überstehenden Enden vom Einbindefaden abschneiden - und fertig! Ich war selbst überrascht, wie schnell ich z.B. die vier Kauschen, die ich später für das Festsetzen der Kreuzbramwanten benötige, fertig hatte.

 

Auf(wärts) geht's! Der Besan wächst in die Höhe

 

Irgendwann fiel dann die Entscheidung: Ich beginne mit den Marsstengen und nehme mir als erstes den Besan vor. Bevor da aber die Stenge gesetzt werden kann, bedarf es noch einiger Vorarbeiten. Als erstes kommt ein geplanter Abriss: Ich entferne das Geländer der Marsplattform. Das hatte mir schon einige Zeit nicht mehr so richtig gefallen, und nachdem von mehreren Seiten der Hinweis kam, dass hier auf jeden Fall noch eine Stütze in der Mitte fehlt, war ein Neubau beschlossene Sache. Jetzt benötige ich da oben jeden Platz zum Hantieren, also runter damit. Die frisch hergestellten Stropps mit den Kauschen werden von hinten an den Marsjungfern angebracht. Zwei Augbolzen werden von oben in die Marsplattform eingelassen; hier erlaube ich mir mal eine kleine Mogelei, denn an sich sollten das kleine, kurze Stropps mit eingebundener Kausche sein. In dem Maßstab würden die dann aber doch wieder wie Augbolzen aussehen...

Das Eselshaupt wird ebenfalls mit Augbolzen bestückt, vier an der Anzahl, die alle an der Unterseite platziert werden. Das sind alles Vorarbeiten für das laufende Gut, ebenso wie das Einarbeiten eines Scheibgattes in die Marsstenge. Dort wird später das Drehreep der Kreuzmarsrah durchgeführt. Um das Scheibgatt darzustellen, bohre ich zwei Löcher in das dünne Rundholz und spare den Bereich zwischen den beiden Bohrungen etwas aus. Dann schwarz anmalen, und es wirkt (fast) wie echt. Eine Fädelprobe mit entsprechender Taustärke zeigt, dass später das Tau problemlos durchläuft.

Sehr skeptisch war ich auch wegen der winzigen Öffnungen an den Enden der Quersaling - ob da später die Bramwanten durchpassen? Aus dünnem Polyestergarn hatte ich mir probehalber ein paar Taue geschlagen, die später als Bramwanten zum Einsatz kommen sollen. So eine Quersaling ist gerade mal einen Millimeter dick. Vorsichtig bohre ich von Hand mit einem 0,5mm-Bohrer die Löcher auf; die Finnpappe, aus dem die Teile sind, hatte ich schon vor dem Zusammenbau großzügig mit Sekundenleim durchtränkt, so dass beim Bohren nichts auffasert. Dennoch staune ich hinterher selber, als bei einer Probe mein geschlagenes Tau problemlos durch alle vier Öffnungen geht.

 

Für die Stengewanten schlage ich mir die Taue aus "Gütermann extra stark" Polyestergarn, welches in Fadenstärke und Qualität dem 0,25mm-Garn von Amati entspricht, bezogen auf den Meterpreis allerdings wesentlich preiswerter ist. Ansonsten ist es genauso wie bei den Untermasten: Das jeweils vordere Want wird bis runter zur Jungfer durchgekleedet, die Wanten werden paarweise gefertigt, das mit feiner Plattbindselung gefertigte Auge wird bis 0,25 der Wantlänge gekleedet. Da am Besan drei Stengewanten an jeder Seite sitzen, werden die beiden hinteren Wanten aus einem Taustück gefertigt; für das Auge wird in der Mitte ein gekleedetes Stück Tau eingebunden.

Die drei Wanten an jeder Seite sind relativ schnell angebracht.

Dann habe ich schon mal das Kreuzstengestag vorbereitet. Zuerst einmal gedanklich. Führung und Befestigung ist klar: Wie die bisherigen Stage auch wird es mit einem gekleedeten Auge inklusive Stagmaus um den Stengetop gelegt. Dann geht das Stag durch einen Leitkragen, der direkt unter dem Masthummer des Großmastes befestigt ist. Am Ende des Stages wird eine Kausche eingebunden. Diese wird dann mittels Taljereep mit dem Stagkragen, in dessen Bucht ebenfalls eine Kausche eingebunden ist, verbunden und somit das Stag steif gesetzt. Der Stagkragen ist ebenfalls am Großmast befestigt.
Zum Einbinden von Kauschen habe ich weiter oben in diesem Kapitel eine kleine Anleitung gezeigt. So, jetzt durchdenken wir das Thema Kreuzstengestag nochmal, und relativ schnell merkt man: Holla, das ist ja jetzt blöd. Das "störende Element" ist der Leitkragen, durch dessen Kausche das Stag läuft. Stagauge mit Maus am einen Ende und eingebundene Kausche am anderen Ende kann man also nicht beides "an Land" fertigen. Also habe ich mich dafür entschieden, die Kausche am unteren Ende freihändig an Bord einzubinden. Im zweiten Bild mache ich das eben geschriebene hoffentlich deutlich. Das Einbinden der Kausche ging dann recht problemlos. Zuerst vorsichtig mit Ponal Turbo fixiert und dann ebenso vorsichtig eingebunden. Das letzte Foto zeigt das fertige Stag; leider sieht man die Kausche nicht allzu gut.

Aber bevor das Stag nun seinen endgültigen Platz findet, braucht der Besan noch Pardunen. Und jetzt geht der Spaß los.

Pardunen dienen generell der seitlichen Abstützung der Masten. Zuerst kommt die stehende Pardune dran, auf jeder Seite eine. Diese müssen erst einmal bis unter die Kante der Marsplattform gekleedet werden. Jede Pardune wird einzeln aufgelegt. Im Bild sind sie zu sehen, die stehenden Pardunen.

Dann gibt es aber auch noch die fliegenden Pardunen, auch Schlingerpardunen genannt. Die heißen so, weil bei starkem Schlingern des Schiffes, zum Beispiel beim Segeln mit starkem Seitenwind, insbesondere die der Luvseite angeholt wurden, aber auch, um sie bei einem Wendemanöver und ungünstigen Winden einfach mal auf die andere Seite hinüber zu nehmen als zusätzliche Abstützung. Also mussten diese Schlingerpardunen anders befestigt werden. Das geschah folgendermaßen: Am unteren Ende der Pardune war eine Kausche eingebunden. In diese wurde eine Talje, welche aus zweischeibigen Blöcken gebildet wurde, eingehakt; das andere Ende dieser Talje wurde in einen Augbolzen auf dem Rüstbrett, hinter der letzten Want, eingehakt.
Nun, diesen Augbolzen hatte ich angebracht. Dann aber stutzte ich und blätterte mal in der Bauanleitung von Shipyard. Es folgt ja noch, wie bereits angekündigt, eine weitere Etage, die Bramstenge. Und auch von der geht eine Pardune... ähm, ja, Moment, wo geht die hin? Die müsste ja auf diese kleine Hilfsrüste, aber da ist ja bereits die stehende Pardune der Kreuzstenge befestigt. Jetzt wird es kompliziert. Die Bauanleitung macht es dann deutlich: Shipyard verzichtet komplett auf die stehende Pardune der Kreuzstenge, sieht lediglich die fliegende Pardune mit der Talje auf dem Rüstbrett vor und lässt die einzige Jungfer auf der kleinen Hilfsrüste für die Pardune der Bramstenge frei. Am Großmast und am Fockmast haben die Hilfsrüsten je zwei Jungfern; aus der Bauanleitung ist klar zu erkennen, dass hier sowohl eine stehende wie auch eine fliegende Pardune gefahren werden soll.

Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts wurden grundsätzlich fliegende Pardunen gefahren, dann aber kamen, von England ausgehend, die stehenden dazu. Mein Schiff ist a) englisch und b) mit 1779 deutlich jünger. Also soll auch mein Besan sowohl stehende als auch fliegende Pardunen bekommen. Daher stand dann mal wieder eine Abrissaktion auf dem Plan. Die beiden Hilfsrüsten (auch "Pardunenstuhl" genannt) wurden vorsichtig abgetrennt. Zur Herstellung neuer Rüsten orientierte ich mich an denen des Fockmastes. Ehe das Schiff nicht fertig gebaut ist, werfe ich keinen der Lasercut-Bögen weg. Und so suchte ich den heraus, auf dem diese Teile zu finden waren, zeichne die Umrisse auf ein Blatt Papier nach und klebe das auf ein entsprechend dickes Stück Karton. Dann schneide ich mir die Teile zurecht, dabei muss ich beachten, dass ich einerseits nicht die Stückpforte für die dort aufgestellte  Karronade mit einem davor laufenden Tau sinnlos mache und zum anderen die Stütze für eine Drehbasse nicht versetzen kann, so dass diese irgendwie mit eingearbeitet werden muss.

Am Ende eines langen Werfttages ist es dann geschafft. Die neuen Hilfsrüsten tragen jeweils zwei Jungfern für die stehenden Pardunen der Mars- und der Bramstenge; die der Marsstenge ist angebracht. Für die fliegenden Pardunen habe ich jeweils zwei Doppelblöcke mit einem Haken versehen, die beiden Blöcke mit einem Taljereep verbunden, den einen Haken in einen Augbolzen am Ende der Besanrüste und den anderen in eine Kausche am Ende der Pardune eingehakt und das dann steifgesetzt. Zum Schluss wird das vorbereitete Kreuzstengestag aufgelegt und festgezurrt.

Einen Tag später gibt es kleine Korrekturen. Bei Lichte betrachtet erscheinen die Kauschen an den Enden der fliegenden Pardunen doch etwas überdimensioniert. Glücklicherweise lassen sie sich gut lösen und durch kleinere ersetzen. Und die Kausche am Ende des Kreuzstengestags muss ich ein Stück höher anbringen. Der Grund ist ganz einfach: Ich musste dieses Stag doch mehr anziehen als gedacht, damit die Pardunen die Marstenge nicht so weit nach hinten ziehen. Dadurch haben sich dann die Kausche am Ende des Stages und die im Stagkragen am Großmast fast berührt, so dass ich mit dem Taljereep nichts mehr ausrichten konnte.
Aber jetzt haben die Schlingerpardunen kleinere Kauschen, die Taljen sind wieder eingehängt und nur leicht straff geholt, das Kreuzstengestag ist schön steifgesetzt, und die Stenge sitzt jetzt so, wie sie soll.