Baubericht HMS Mercury, Kapitel 30: Webleinen


Webleinen

 

November 2018

 

Nachdem nun alle sonstigen Bestandteile des stehenden Gutes in der ersten Etage angebracht sind, wird es Zeit für die Webleinen. Gemeinhin auch "Wantenknüpfen" genannt. Manche Modellbauer knüpfen ja die Wanten erst, wenn alle Stengen, Wanten und Pardunen stehen. Ich habe mich aber dafür entschieden, das zu trennen. Ich weiß, wieviel Knoten vor mir liegen - da will ich das lieber in zwei Etappen aufteilen. Bevor also die zweite Etage in Angriff genommen wird, bekommen sämtliche Unterwanten und Püttingswanten Webleinen verpasst.

Im "Götterforum" hole ich mir noch ein paar gute Tipps, und dann geht es los. Ich mache erst einmal ein paar Trockenübungen mit Knoten und verschiedenen Tauen. Im Original wurden die Webleinen ja an den Enden mit Augspleißen an den Wanten befestigt. Im Modellbau im Allgemeinen und in meinem doch recht kleinen Maßstab von 1:72 im Besonderen darf man da aber gern "schummeln" und den Webleinstek, der auch bei allen sonstigen Knoten der Webleinen verwendet wird, nehmen. Wichtig ist, dass man nach dem endgültigen Verleimen das überstehende Ende sauber kappt.

Um mich wieder in die Materie hineinzuarbeiten (ich habe ja bisher erst einmal, an der Papegojan, Wanten geknüpft), wähle ich für die erste Etappe einen kleinen, überschaubaren Bereich: Die Püttingswanten des Besanmastes. Ich bastele mir eine einfache Abstandsschablone, um ständig prüfen zu können, ob die Webleinen korrekt sitzen. Da wird viel hin und her geschoben, Knoten werden festgezurrt und wieder gelockert, bis alles so sitzt, dass ich zufrieden bin. Und das geht so: Zuerst werden die Anfangsknoten mit Weißleim fixiert, nachdem ich immer wieder gemessen und die Knoten im Makrobereich hin und her geschoben habe. Dann werden, nach Durchtrocknen der ersten Fixierung, die Knoten des nächsten Wanttaus in Angriff genommen. Eine Mischung aus Augenmaß und Lineal bringt mir am Ende ein Ergebnis, mit dem ich zufrieden bin. So kann ich dann die überstehenden Taue kappen.

Die auf den Bildern zu sehenden Webleinen an den Unterwanten sind noch nicht fixiert und dürfen daher noch etwas schief daher kommen. Und einer meiner besten Matrosen zeigt uns schon mal, wie man über die Püttingswanten auf die Besanplattfom kommt.

Das Wantenknüpfen wird jetzt einige Zeit in Anspruch nehmen. Aber jetzt haben wir da die "dunkle Jahreszeit", da verbringt man gern Zeit in der heimischen Werft... Und so dauert es dann auch nur zwei Abende und einen trübgrauen Feiertag, bis an der Steuerbordseite alle Webleinen am Besanuntermast angebracht sind.

Ich bin dann schnell dazu übergegangen, jede Webleine einzeln zu bearbeiten, also erst dann mit der nächsten zu beginnen, wenn diese wirklich in der korrekten Position ist und der fixierende Weißleim zumindest so weit angezogen hat, dass nicht kleine, zufällige Berührungen die Knoten wieder verschieben.

Ja, man kann immer noch besser werden, aber mit dem bisherigen Ergebnis bin ich dennoch sehr zufrieden.

Das vierte von den letzten sieben Bildern mag ich übrigens ganz besonders.

 

Dezember 2018

 

Mittlerweile knüpfe ich zwar nicht täglich, aber doch an etlichen Abenden eifrig weiter Webleinen in die Wanten. Der Besanmast ist fertig, und an der Backbordseite des Großmastes geht es weiter.
Wer sich jetzt fragt, wieviel Knoten das sind, die ich da knüpfen muss, bekommt hier die Antwort: Am Besan waren es 292, am Fockmast werden es genau 400 sein, und der Großmast erfordert stolze 566. Das sind in Summe 1258 Knoten für die erste Etage. Die zweite Etage, also die Marswanten, bekommen dann nochmal so ca. 450 Knoten - gemessen an den Untermasten also ein Kinderspiel... So mancher Modellbauer betrachtet ja diese Arbeit als den nervigsten und langwierigsten Abschnitt beim Bau eines Segelschiffes. Ich sehe das wesentlich entspannter. Das Einziehen der Webleinen hat für mich durchaus auch etwas Meditatives. Ich kann dabei herrlich abschalten, und der Blick über die fertigen Reihen am Ende des Werftabends bringt ein wenig Stolz und Zufriedenheit.

Bei den zahlreichen Figuren, die ich bereits angemalt habe, sind auch ein paar aufenternde Matrosen dabei. Je mehr Webleinen fertig sind, desto mehr Spaß macht es, die Jungs schon mal probehalber nach oben zu schicken.

Zur Zeit habe ich wohl das, was man im positiven Sinne "einen Lauf" nennt - vielleicht wird ja bis zum Jahresende die komplette erste Etage fertig. Mal schauen, aber ich werde mich keinesfalls unter Druck setzen. Nach wie vor lautet mein Motto "Gründlichkeit vor Schnelligkeit", und gebaut wird nur an den Tagen, an denen ich auch wirklich Lust dazu habe.