Baubericht HMS Mercury, Kapitel 32: Noch ein Shipyard-Scherz; noch höher hinaus - die Bramstengen werden gesetzt


 

Februar 2019

 

Ich bin jetzt schon ziemlich weit mit dem stehenden Gut. Dennoch bleibt noch reichlich zu tun, ehe ich mich dann der hohen Schule des laufenden Gutes widmen darf. Als nächstes kommen jetzt die Bramstengen dran und auch der Klüverbaum, denn ohne den kann ich die Vorbramstage nicht setzen. Aber zuvor gibt es erst einmal ein kleines Schmankerl:

 

Noch ein Shipyard-Scherz

 

In Foren und auch bei persönlichen Begegnungen gibt es immer mal wieder Fragen bezüglich der Gangway zwischen dem Achterdeck und dem Vordeck. Diese endet umgerechnet ca. 1 Meter vor dem Vordeck, was unlogisch erscheint. Da die Anordnung der Kanonen in der Kuhl auch keinerlei Platz für Leitern lässt, ergeben sich zwangsläufig Fragen, wie denn die Besatzungsmitglieder auf das Vordeck gelangen sollen. Schaut man sich die Originalbaupläne der baugleichen und dieser speziellen Schiffsklasse den Namen gebenden HMS Enterprize an, erkennt man, dass das historisch korrekt ist. Was sich die damaligen Schiffsbauer dabei gedacht haben, konnte bisher niemand in den mir zugänglichen Kreisen beantworten, und aus verständlichen Gründen kann man die Herren auch leider nicht mehr persönlich fragen. 

Also blieb die Frage, wie man hoch kommt, weiter offen. Verschiedene Möglichkeiten wurden dabei erörtert, so zum Beispiel eine mobile Leiter, also eine Strickleiter, die von der Vorderkante des Decksbalkens baumelt. Ich bringe dann sozusagen als praktische Anleitung die "Johnny-Methode" ins Spiel - zu sehen im ersten Bild dieses Beitrages.

Aber auf der Suche nach weiteren Belegen wie z.b. Fotos vom aus dieser Zeit stammenden Werftmodell der Enterprize im National Maritim Museum in Greenwich stoße ich auf Bilder vom Modell der Enterprize - von der Firma Shipyard. Shipyard hatte ja zuerst die Enterprize in 1:96 auf den Markt gebracht, um dann Jahre später mit der HMS Mercury im Prinzip das selbe Modell noch einmal, nur mit anderer Galionsfigur und anderem Namen am Heck, herauszugeben. Und da sehe ich die Lösung! Aber wieso wurde die nicht auch bei der Mercury angewandt? Ich schaue mir sehr intensiv die Bauanleitung an, finde aber darin keinen Hinweis, zumal die bewusste Stelle dort nie richtig gezeigt wird. Dann aber, auf der Rückseite der Broschüre, wo es nochmal viele, zum Großteil sehr kleine Fotos des fertigen Modells gibt, erkenne ich mit der Lupe, dass auch meine Mercury diese Lösung hat.

Und so blättere ich nochmal alle Lasercut-Bögen durch und schaue mir sehr genau die bisher noch nicht verwendeten Teile an. Ja, die gibt es noch, zum einen, weil ich hier und da andere Varianten gewählt und mir auch Teile selbst gebaut habe, zum anderen, da ja das Schiff noch nicht fertig ist und es durchaus auch noch ein paar Kartonteile zu verarbeiten gibt. Schon bei der Nummerierung werde ich dann bei zwei Teilen, die jeweils 4 x vorhanden sind, stutzig: 34c und 34d. Das steht für etwas, was ziemlich zu Beginn zu verarbeiten gewesen wäre. Zum wiederholten Male durchforste ich die Bauanleitung, aber diese beiden Teile finden dort einfach nicht statt. Aber ich weiß, dass ich gefunden habe, was so lange unklar war.

Ich klebe jeweils ein c- und ein d-Teil zusammen, streiche sie und bringe sie dann da an, wo sie hingehören. Und nun hat das Schott zur Back an jeder Seite zwei Stufen, ähnlich und nur viel kürzer den beiden Fallreeps an den Außenseiten der Bordwand, die benötigt wurden, wenn Leute aus einem Beiboot an Bord wollen. 

Vielleicht bringe ich noch Tampen an, die als Handläufe lose von der Vorderkante des Decksbalkens baumeln. Aber das überlege ich mir noch, ich bin geneigt, es so zu lassen. 

Das alles ist nun keine große Sache, aber insofern ärgerlich, als dass mit einem kleinen Hinweis in der Bauanleitung diese lange Suche vermeidbar gewesen wäre.


 

Höher hinaus - der Besan bekommt seine Bramstenge

 

Ich arbeite mich wie schon bei den Marsstengen wieder von hinten nach vorn und beginne also am Besan. Das ist die kleinste Bramstenge, und dennoch braucht sie auch viel Zuwendung. Zuerst feile ich das eh schon dünne Hölzchen am oberen Ende noch etwas dünner, wodurch ich den Stengehummer herausarbeite.
Dann werden in den Stengehummer zwei Löcher gebohrt, die als Scheibgat fungieren, welches später zur Führung des Drehreeps für die Besanbramrah dient.

Anschließend werden die Bramwanten hergestellt. An jeder Seite gibt es zwei, also werden sie paarweise aufgelegt. Ein gekleedetes Auge mit einer schmucken Plattbindselung darf auch bei diesen sehr dünnen Tauen nicht fehlen. Ich schlage sie aus 3 x 0,07mm Polyestergarn. Das entspricht umgerechnet in etwa der Stärke, wie sie im Marquardt angegeben ist. Stärker dürfen sie auch nicht sein, ansonsten passen sie nicht durch die Löcher an den Enden der Quersalinge.
Und da gibt es auch wieder eine kleine, nun schon fast gewohnte Herausforderung: Oben die Notwendigkeit, das Wantpaar mit einem Auge zu versehen, unten müssen an die Enden Kauschen eingebunden werden. Und dazwischen liegen die Löcher der Quersalinge. Klar, ich entscheide mich dafür, die Augen "an Land" zu fertigen, dann das Wantpaar um den Stengetop zu legen, die Enden durch die Salinge fummeln und dann freihändig die Kauschen einbinden. Und nicht zu vergessen: Die Bramwanten weisen noch eine nette Besonderheit auf. Unterhalb des Auges wird noch zwischen die beiden Wanten eine Kausche eingebunden, die später zur Führung der Bramtopnanten benötigt wird.

Um die Wanten steifzusetzen, habe ich bereits vorschriftsmäßig von hinten an die Marsjungfern Stropps mit Kauschen befestigt. Mit einem Taljereep werden dann die Kausche am Wantende und die im Stropp verbunden, und schon sitzt das Wanttau straff und fest. Aber Vorsicht! Nicht zu doll das Taljereep anziehen, da sich die dünne Stenge schnell gefährlich weit den Zugkräften beugt.
Ich stelle sehr schnell fest, dass hier mehr Augenmaß gefordert ist als weiter unten. Und was man dabei auch immer bedenken muss: Die dünnen Quersalinge sind auch nur aus Karton, also doppelt vorsichtig sein beim Ziehen. :huh: 
Nachdem die Wanten dann ordentlich straff sind und die Stenge noch immer brav eine sehr senkrechte Haltung einnimmt, kommen die Pardunen an die Reihe. An jeder Seite eine, und stolz setze ich diese auf meinem vor kurzem neu konstruierten kleinen Rüstbrett fest.
Nun fehlt zum vollständigen Glück nur noch das Besanbramstag. Dieses wird nicht wie die unteren Stage mit großem Auge und Stagmaus gefertigt, sondern lediglich mit einem engen, den Stengeumfang umfassenden Auge aufgelegt. Achtern am Großstengetop wird ein Leitkragen mit Kausche angebracht, durch den dann das Stag zur Marsplattform läuft. Auch hier binde ich wieder freihändig eine Kausche an das Ende. Diese verbinde ich dann mittels Taljereep mit dem Schenkelstropp im Großmars und setze wiederum vorsichtig, um die dünne Stenge nicht abzubrechen, das Stag schlussendlich steif.